Seelsorge und Beratung

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Interkulturelle Seelsorge ist ein weites Feld. Mit diesem Begriff ist zunächst die seelsorgerliche Beratung zwischen Christen unterschiedlicher kultureller Herkunft gemeint. Häufig muss Interkulturelle Seelsorge aber darüber hinaus mit der Notwendigkeit einer Kompetenz im Interreligiösen Dialog einhergehen. Interkulturelle Kompetenz ist in beiden Handlungsfelder dringend wünschenswert.

1. Interkultureller Dialog in der Seelsorge und Beratung

  • Pfarreiidentität, religiöse Heimat, Verlustängste bei Pfarrverbandsbildungen
  • Integration von fremdkulturellen Priestern und Gläubigen

Anstelle von Pfarreiidentität könnte man auch von einer Pfarreikultur sprechen. Jede Pfarrgemeinde hat meist über Jahrzehnte hinweg ihre eigenen Beziehungsstrukturen und kulturellen Regeln entwickelt, die das Gemeinschaftsleben bestimmen. Wenn aufgrund von Pfarrverbandsbildungen plötzlich  unterschiedliche Pfarreikulturen aufeinander stoßen, ist es verständlich, dass dies bei den Gläubigen häufig Unverständnis, Missverständnisse oder auch große Verlustängste verursacht. Eine Pfarrgemeinde bildet immer auch eine religiöse Heimat für ihre Mitglieder. Heimat ist ein wichtiger Teil der eigenen Identität und Kultur. Pfarrverbandsbildungen lösen bei den Menschen somit nicht nur die Befürchtung aus, möglicherweise die religiöse Heimat zu verlieren oder aufgeben zu müssen, sondern es geht hier auch um die Angst vor einem Verlust der eigenen Identität. Umso sensibler sollte mit diesem Thema umgegangen werden.

Seelsorge ist Beziehungsgeschehen. Beziehung ist immer als Gegenseitigkeit gemeint, d.h. erst durch ein Sich-Einlassen des Seelsorgers auf die vorhandene Pfarreikultur, bzw. der Gemeindemitglieder auf die Person des Seelsorgers kann wirkliche Beziehung aufgebaut werden und wachsen. Noch schwieriger ist es, wenn mehrere Pfarreien mit völlig unterschiedlichen kulturellen Regeln zusammengebracht werden sollen. Als erster Schritt ist es hierbei wichtig, dass die Gemeinden sich ihrer eigenen Identität überhaupt bewusst sind. Bei der Kommunikation mit Seelsorger oder anderen Gemeinden darf es niemals darum gehen, diese Identität anzugreifen, sondern sie muss als feste Basis dienen, um sich für Neues und Andere öffnen zu können. Für diesen Prozess kann ein Interkulturelles Training zunächst aller verantwortlichen Gremienmitglieder und Seelsorger sehr hilfreich sein. Denn wie in allen Interkulturellen Trainings sollte auch auf diesem Handlungsfeld das Ziel aller sein, zu mehr Toleranz des Anderen/Fremden und schließlich gar zur Akzeptanz anderer pfarreilicher Gewohnheiten auch für die eigene Gemeinde zu kommen. Man nennt dies auch das Erlangen von Ambiguitätstoleranz, d.h. die Fähigkeit, Unsicherheiten und Widersprüchlichkeiten aus kulturell bedingten Unterschieden, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen und nicht gleich negativ oder – häufig bei kulturell bedingten Unterschieden – vorbehaltlos positiv zu bewerten.

Die Integration von fremdkulturellen Priestern und Gläubigen ist ein weiteres Feld, das die Erweiterung der Seelsorge auf einen Interkulturellen Dialog notwendig macht. Hier gelten die gleichen Mechanismen wie oben bereits erwähnt. Ein wirklicher Dialog ist nur möglich, wenn die kulturellen Identitäten eines jeden einzelnen wahrgenommen und berücksichtigt werden. Ein Interkulturelles Training öffnet uns hier den Horizont, um beim Anderen nicht dieselben kulturellen Regeln im Beziehungsgeschehen vorauszusetzen, deren wir uns selbst häufig gar nicht bewusst sind.

2. Interreligiöser Dialog

  • Überwindung kultureller Unterschiede in der Ökumene und im interreligiösen Dialog
  • Beratung religionsverschiedener Ehen und Familien

Vor allem aufgrund von (Arbeits-) Migration ist die Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend multireligiös geworden. Aber auch die Ökumene in Deutschland beinhaltet letztlich den Prozess der gegenseitigen Annäherung an unterschiedliche kulturelle Systeme.

„Das Bild der Religionen in Deutschland ist derzeit von je ca. 30 % Katholiken und Protestanten (letztere zum größten Teil durch die Evangelische Kirche in Deutschland bzw. ihre Mitgliedskirchen vertreten) geprägt.[1][2] Die Gesamtzahl der Christen in Deutschland beträgt ca. 61 %, davon in den beiden großen Kirchen 58,8 % (Stand: 31. Dezember 2011).[3] Dabei haben die Katholiken ihren Schwerpunkt im Südosten und Westen des Landes (Bayern, NRW, Saarland), die Protestanten im Nordwesten und in den stärker konfessionell gemischten Regionen im Südwesten und der Mitte (Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen). Die Orthodoxe Kirche ist mit 1,55 % (ca. 1,3 Millionen Gläubigen) die drittgrößte christliche Konfession in Deutschland.

Die Zahl der Muslime wird je nach Quelle auf knapp 2 bis 4,3 Mio., was 2 bis 5 % der Gesamtbevölkerung entspricht, geschätzt (s. u.).[1] Alle anderen Religionsgemeinschaften zusammen stellen ca. 1 % der Bevölkerung in Deutschland, davon 270.000 Buddhisten, 200.000 Juden, 100.000 Hindus, 10.000 Sikhs und 6.000 Baha’is.[1][4]

Etwa 32 % bis 37 % der Menschen in Deutschland sind konfessionslos.[4][1] “    Quelle: Wikipedia

Das zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) legte für die katholische Kirche Grundlagen für einen interreligiösen Dialog. Nicht nur der christliche Glaube besitzt die „Exklusivität“ der Heilserlangung. Auch andere Gottesbeziehungen können heilschaffend sein, die durch den einen Gott bewirkt werden. So formuliert die Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ Art. 16., dass Juden und Muslime „mit uns den einen Gott anbeten“. Im Interreligiösen Dialog gilt es daher das Wahre und Heilige in den anderen Religionen zu entdecken, wertzuschätzen und zu fördern. Die Anerkennung von und die Forderung nach uneingeschränkter Religionsfreiheit geht damit einher.

Wo wird Interreligiöser Dialog notwendig?

Interreligiöser Dialog ist ein spezifiziertes Handlungsfeld des Interkulturellen Dialogs. Auch er begegnet uns in allen Bereichen, in denen Diversity/Vielfalt längst eine große Rolle spielt: in Pfarrgemeinden, Verwaltungen, Betrieben, Nachbarschaft, Schulen, sozialen Einrichtungen oder auch religionsverschiedenen Ehen und Familien. Auch hier sind es vor allem die Unkenntnis kultureller Unterschiede, welche Desinteresse, Missverständnisse oder aber wechselseitige Ängste und Vorurteile hervorrufen können.

Wie läuft die Kommunikation in kultur- und/oder religionsverschiedenen Ehen und Familien ab?

Eine Ehe ist immer eine Verbindung von zwei Identitäten, von zwei Persönlichkeiten, die kulturell unterschiedlich geprägt wurden, und sei es nur, weil es sich um einen Mann und eine Frau handelt. Wie viel komplizierter wird es, wenn beide aus unterschiedlichen Ländern stammen und sogar einen unterschiedlichen religiösen Hintergrund mitbringen? Auch hier stellt sich jeder immer wieder die Frage, wie viel eigene Identität muss ich aufgeben, um zu einer neuen gemeinsamen Identität zu gelangen. Jede Familie versucht daraus dann, ihre eigene Gemeinschaft mit ganz eigenen Regeln zu bilden. Aber kann es wirklich darum gehen, die eigene Identität aufzugeben? Oder doch nur lediglich darum, meine eigene und die des anderen wahrzunehmen und besser zu verstehen? Wie viel Toleranz muss ich aufbringen, um schließlich zu akzeptieren, dass der Andere anders ist und dies auch so für mich anzunehmen, ja sogar positiv zu verwerten?

Edith Stein sagte einmal: „Nur wer sich selbst als Person, als sinnvolles Ganzes erlebt, kann andere Personen verstehen. „

Dies sollte eins der wichtigsten Ziele der Interkulturellen Kommunikationstrainings in der Eheberatung kultur- und religionsverschiedener Ehen sein. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität muss gewandelt werden in die Freude über die Bereicherung durch die Identität des anderen.

Was sind die Ziele unseres Seminars in Bezug auf den Interreligiösen Dialog?

Die Ziele des Interreligiösen Dialogs sind zunächst mal die gleichen wie die des Interkulturellen Dialogs. Um das Fremde zu begreifen, muss man beim Verstehen des Eigenen beginnen. Auch hier werden wir uns in den Seminaren den Fragen nach unserer eigenen Kultur und unserer Religion, unserem Glauben im Speziellen zuwenden. Was bedeuten andere Religionen für mich? Wo lassen wir uns von Unkenntnis, Vorurteilen und Ängsten in unserem Handeln und Kommunizieren leiten? Wir werden uns auf die Suche nach der gemeinsamen Basis machen, das Gemeinsame betonen, um dann die Unterschiede zunächst wahrzunehmen und dann akzeptieren zu lernen. Der Respekt und die Wertschätzung des Fremden, des religiös Anderen ist das wichtigste Lernziel dieses Seminars.

In unserem Training wollen wir Strategien der interkulturellen Beratung und Betreuung entwickeln. Ebenso werden wir uns mit Techniken eines besseren Umgangs im Interreligiösen Dialog beschäftigen und gemeinsam mögliche weitere Wege erarbeiten.